Ergreifend und poetisch

Juli 24, 2018

Ergreifend und poetisch

Von Alexandre Dumas, bekannt durch Romane wie Die drei Musketiere, Der Graf von Monte Christo u. v. a.) gibt es noch viel zu entdecken. Hat er nicht selber einmal behauptet, er habe vier- bis fünfhundert Bände geschrieben? Was durchaus stimmen könnte, denn seine Romane sind, großzügig gedruckt, immer in mehreren Bänden erschienen. Hinzu kam noch eine üppige Produktion für Zeitungen und Zeitschriften. Ich selber besitze eine Ausgabe vom Journal des Journaux (Paris 1844; eine Zeitung, in der Texte erschienen, die bereits in anderen Zeitungen veröffentlicht worden waren) – darin ein spannender Bericht über eine Besteigung des Vesuv von Dumas. Wahrscheinlich weiß heute in Frankreich niemand etwas davon, von einer Übersetzung ins Deutsche ganz zu schweigen. Vermutlich schlummern aber auch noch Romane von ihm in den Archiven. Claude Schopp, der renommierteste Dumasforscher, hat 2005 den Roman Le Chevalier de Sainte-Hermine herausgegeben. Dieser Roman war seinerzeit als Fortsetzungsroman in der Zeitung Le Moniteur Universel erschienen (1869), nicht aber in Buchform.

Verleger, die für das deutsche Publikum noch unbekannte Texte von Dumas suchen, müssen das 650 Seite starke Dumas-Wörterbuch von Claude Schopp konsultieren (Dictionnaire Dumas. 2010). Darin steht auch ein Artikel über das Buch der Schiffbrüche. Schopp listet hier (S. 172f.) peinlich genau auf, welche Quellen Dumas benutzt hat, und er nennt die beiden Ausgaben, die zu Dumas’ Lebzeiten erschienen sind: 1852 eine Ausgabe in zwei Bänden und eine illustrierte Ausgabe von 1863. Ich finde es ein wenig schade, dass Matthes & Seitz nicht einige Illustrationen aus dieser Ausgabe für die deutsche Ausgabe übernommen hat. Der Berliner Verlag hat diesen Band schon einmal vor einigen Jahren herausgegeben. Nun erscheint er noch einmal in der neu von Pauline Altmann schön gestalteten Französischen Bibliothek.

Die Texte könnte man als Seemannsgarn bezeichnen. „Horror und Heroismus auf hoher See, schlicht atemberaubend“, schrieb Werner Krause zur ersten Ausgabe des Bandes (2012). Das finde ich etwas übertrieben, doch viele Passagen sind durchaus spannend und ergreifend. Andere Passagen schleppen sich ein wenig dahin, andere sind fast schon poetisch, wie z. B. diese: „Es schien, als habe sich ein Engel unter die Menschen verirrt, dem materielle Gefahren nichts anhaben konnten und der im Augenblick des Abschieds von dieser Welt seine bisher unsichtbaren Flügel ausbreiten und in den Himmel aufsteigen würde.“ (S. 117) Im Nachwort von Nicola Denis, die auch die gut lesbare Übersetzung geliefert hat, und in dem folgenden Essay von Volker Harry Altwasser erfährt der Leser das Wichtigste über die beschriebenen Fälle und über die Entstehung der Texte.

Gerüchteweise habe ich gehört, dass die Französische Bibliothek bei Matthes & Seitz eingestellt werden soll. Das fände ich sehr schade…

(Franz Joachim Schultz)

Alexandre Dumas: Schiffbrüche. Wahre Geschichten. a.d. Französischen und mit einem Nachwort von Nicola Denis. Mit einem Essay von Volker Harry Altwasser. Matthes & Seitz 2017

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Der Albatros

Juli 24, 2018

oder Wohin die Baudelaire-Lektüre führen kann. Ein unvollendeter Essay

Vor einem Jahr erschienen Baudelaires Blumen des Bösen in der neuen Übersetzung von Simon Werle, der sich durch seine Racine-Übersetzung bereits einen Namen gemacht hatte. Es gab viel Lob, und ich kann mich nur anschließen. Es hat mich allerdings sehr gewundert, dass in so kurzer Zeit Rezensionen mit Bewertungen erscheinen konnten. Ein solches Buch liest man doch nicht in einem Zug, damit hat man Monate zu tun. So kann und will ich hier auch nicht eine Gesamtbewertung schreiben. Ich will mich nur einem Gedicht widmen, dem Albatros, und davon nur der ersten Strophe; pour m’amuser, zum Vergnügen sozusagen.

Werle nennt in seinem Nachwort einige Übersetzer, die die Blumen des Bösen bereits übersetzt haben. Er nennt nicht Friedhelm Kemp, der vor vielen Jahren eine Prosa-Übersetzung vorgelegt hat. Auch Kemp nennt in seiner Nachbemerkung einige andere Übersetzer, spricht von ‚bewundernswürdigen Leistungen’, doch er fährt fort, „dass Silbenzwang und Reimnot so häufig ihre Opfer forderten, worüber des Dichters genaue Meinung verlorenging oder doch verdunkelt wurde.“ Aber lassen wir uns ein wenig über die ersten Verse nachdenken.

Kemps Prosaübersetzung beginnt so: „Oft zum Zeitvertreib fangen die Seeleute sich Albatrosse ein“. Da stutz ich schon. „Zum Zeitvertreib“ – im Original heißt es „pour s’amuser“. Wörtlich: „um sich zu amüsieren“. In den Übersetzungen, die mir vorliege, lesen wir gestelzt in der Übersetzung von Richard Schaukal: „sich die Weile so zu kürzen“. In der Übersetzung von Werle: „so vertreiben sie die Zeit“. Nur Monika Fahrenbach-Wachendorf bleibt nahe am Original „zum Vergnügen“. „Pour s’amuser“ kann man natürlich auch mit „zum Zeitvertreib“ übersetzen, aber wenn man nahe am Original bleiben kann, sollte man es tun.

Weiter geht es mit diesen Vögeln, zu denen es im Original heißt: „des albatros, vastes oiseaux des mers“. Daraus wird bei Kemp: „jene mächtigen Meervögel“, bei Schaukal sind es die „großen Vögel“, bei Werle sind es „Riesenvögel überm Ozean“. „Vaste“ heißt nun aber mal im ersten Wortsinn nicht „mächtig“, nicht „groß“, nicht „riesig“, sondern „weit“. Und somit liegt Monika Fahrenbach-Wachendorf wieder am nächsten zum Original, wenn sie schreibt: „Albatrosse, welche mit den weiten / Schwingen gelassen um die Schiffe fliegen“.

Was machen sie nun, diese Vögel? Im Original: ‚Ils suivent … le navire’. – Sie folgen dem Schiff. Hier liegt Kemp nahe: „die … dem Schiffe folgen“. Bei Schaukal sind es „Reisebegleiter“. Bei Monika Fahrenbach-Wachendorf ‚fliegen sie um die Schiffe’, bei Werle sind es „des Schiffs Verfolger“, wobei ich eher an Polizisten denke, die (einen) Verbrecher verfolgen.

Und was erfahren wir über das Schiff? „Le navire glissant sur les gouffres amers“, heißt es im Original. Kemp übersetzt: „Wie es auf bittren Abgründen seine Bahn zieht.“ Bei Schaukal kommt das gar nicht vor, bei ihm ‚stürzen die ahnungslosen Reisebegleiter auf die Planken’. Die Planken kommen im Original erst in der zweiten Strophe zu Sprache. Bei Monika Fahrenbach-Wachendorf ‚gleiten die Schiffe über bittre Meerestiefen’. Bei Werle heißt es vom Schiff: „Wenn’s überm bittren Abgrund zieht die Bahn“.

Ich breche hier ab, denn wie man sieht, führt ein solcher Übersetzungsvergleich in viele Richtungen oder in die Irre. Das wäre noch verworrener geworden, wenn ich noch weitere Übersetzungen zum Vergleich herangezogen hätte, z. B. die von Stefan George. Werles Übersetzung ist wohl die zurzeit beste auf dem Markt, doch auch bei ihm gibt es einiges auszusetzen bzw. zu bedenken. Fazit: Mit Baudelaire und mit dieser neuen Übersetzung der Blumen des Bösen werde ich noch einige Zeit zu tun haben. Und das ist gut so, denn oft liest man: „Baudelaires Gedichtzyklus markiert den Beginn der literarischen Moderne.“

Charles Baudelaire: Les Fleurs du Mal / Die Blumen des Bösen. Neu übersetzt von Simon Werle. Reinbek. Rowohlt 2017.

Charles Baudelaire: Les Fleurs du Mal / Die Blumen des Bösen. Übersetzung von Monika Fahrenbach-Wachendorf. Stgt. Reclam 1984.

Charles Baudelaire: Les Fleurs du Mal / Die Blumen des Bösen. Übersetzung: Friedhelm Kemp. Ffm. Fischer Tb. 1966.

Charles Baudelaire: Der Albatros. Übersetzung: Richard Schaukal. In: Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen. Eine Anthologie deutscher Übertragungen. Osterheld Verlag. Berlin 1908.

Franz Joachim Schultz

der einige französische Autoren übersetzt hat, u. a. Eugène Delacroix, Marceline Desbordes-Valmore, Alexandre Dumas, Saint-Pol-Roux, George Sand.

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ein Foto zum Thema Datenschutz

Mai 8, 2018

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Kabelsal

Marx für Wichtigtuer und andere Menschen

Mai 6, 2018

Marxlektür

Das von Thomas Kluge herausgegebene Büchlein Luthers kleine Teufeleien (Insel 2016) ist ein vergnügliches Kompendium, mit dem man Luthers Gedankenwelt kennenlernen kann. In ähnlicher Ausstattung ist nun ein Bändchen zu Karl Marx erschienen. Es ist durchaus empfehlenswert, wenn auch nicht ganz so vergnüglich. Woran liegt das? War Marx nun doch ein ernsthafterer Denker als der große Reformator? Das, glaube ich, ist nicht der Grund. Es liegt wohl eher daran, dass Luther aus weiterer zeitlicher Entfernung vergnüglicher gesehen wird als Karl Marx. Timm Graßmann betont in seinem Nachwort einige wichtige Aspekte: Das Kapital überrascht heutige Leser mit seiner Aktualität. Bereits Marx hat den Raubbau an der Natur angeprangert. Bereits Marx hat sich gegen Sklaverei und Rassismus ausgesprochen. Wer einige von Marx’ Schriften liest (etwa seine Ausführungen über Napoleon III) „fühlt sich unweigerlich an die zeitgenössische Politik erinnert“. Marx wird von vielen als Vorläufer Stalins gesehen, tatsächlich jedoch war er „ein großer Kritiker des Zwangsapparats namens Staat“. (S. 139f.)

Das sind ernste Themen, die in den von Timm Graßmann ausgewählten Zitaten immer wieder auftauchen. Etwa bei Marx’ Ausführungen zur Frage „Freier Staat – was ist das?“ Graßmann lockert auf, indem er zwei lockere Zitate anhängt: „Jeder muss seine religiöse, wie seine leibliche Notdurft verrichten können, ohne dass die Polizei ihre Nase hineinsteckt.“ Und „Platt, gemein, kleinlich, ermüdend, plackend, mit einem Worte Gendarm.“ (S. 126) Eine solche Auflockerung gelingt Graßmann nicht immer, aber sie ist eine durchgängige Methode in diesem Buch. Er hat Zitate zu diesen Themen ausgewählt: Deutschland, Dialektik, Familie, Kapital, Kommunismus, Krise, Natur, Politische Ökonomie, Proletariat, Religion, Staat.

Zu diesen Themen findet jeder griffige Zitate, die auch heute noch ihre Wirkung nicht verfehlen, z. B. gleich das erste: „Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings!“ (S. 9) Hier noch einige kurze Zitate, die mir besonders gefallen haben: „Überhaupt sehen diese deutschen Philosophen ihre eigene kleine Lokalmisere für welthistorisch an.“ (S. 11) „Der Bourgeois sieht in seiner Frau ein bloßes Produktionsinstrument.“ (S. 35) „In einer kommunistischen Gesellschaft gibt es keine Maler, sondern höchstens Menschen, die unter Anderm auch malen.“ (S. 52) „In der Politik darf man sich, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, mit dem Teufel selbst verbünden – nur muss man die Gewissheit haben, dass man den Teufel betrügt und nicht umgekehrt.“ (S. 125) Graßmann wäre vielleicht gut beraten gewesen, wenn er sich auf solche kürzeren Zitate beschränkt hätte. Aber das wäre wohl bei Marx ziemlich schwierig gewesen. Insgesamt ist aber ein schönes Bändchen entstanden, das man einigen ‚Wichtigtuern’ (Marx sieht sie besonders in der politischen Ökonomie; S. 88) schenken kann – aber auch anderen Menschen. (Joachim Schultz

Tim Graßmann (Hg.): Kapitales von Marx. Insel TB 2018

 

 

Eigensinnig und radikal

April 25, 2018

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere in den Jahren zwischen 1933 und 1945, wird man in Deutschland auf nicht absehbare Zeit immer wieder auf Schicksale stoßen, die erzählt werden müssen. Wie etwa in zwei Romanen von Ursula Krechel: Shanghai fern von wo (2008) und Landgericht (2012). Die Folgen dieser Jahre werden noch lange weiterwirken, wie Sabine Bode in ihren Sachbüchern (z. B. Kriegsenkel, Nackkriegskinder) eindrücklich dargestellt hat. Nun hat sie einen Roman vorgelegt, in dem sie ein Einzelschicksal schildert. Das Mädchen im Strom ist Gudrun Samuel, die als Tochter jüdischer Eltern in den 20er Jahren in Mainz aufwächst. Der Titel des Romans hat damit zu tun, dass sie wie ein Fisch im Rhein geschwommen ist, dass sie sich von Lastkähnen ein Stück weit stromaufwärts mitnehmen ließ und dann zurückgeschwommen ist. Ein nicht ganz ungefährliches Unternehmen, was bis in die 50er Jahre viele betrieben haben, wie ich selber noch erlebt habe. Den Titel kann man aber auch anders deuten: Gudrun schwimmt im Strom der Zeit und es gelingt ihr relativ unbeschadet zu überleben.

Hier einige Stationen aus ihrem Leben: die Kindheit in einer wohlhabenden jüdischen Familie, die ihren Glauben allerdings nicht mehr praktiziert. Sie ist eine schlechte Schülerin, aber ein Ass im Sport. Ihre Liebe zu Martin, einem Jungen aus einer katholischen Familie. Nach 1935 ist das auf einmal Rassenschande, und die Beiden entfernen sich immer mehr voneinander. Bei dem Versuch, Deutschland zu verlassen, wird sie von der Gestapo verhaftet und kommt in Einzelhaft. Sie wird von einem gewissen Werner Buchmann verhört. Nach dem Krieg, als er wegen mehrfachen Mordes vor Gericht steht, beruft er sich darauf, ihr eigentlich geholfen zu haben, und bittet sie, zu seinen Gunsten auszusagen. Sie tut es, auch wenn sie gewisse Zweifel hat. Die Mainzer Bombennächte erlebt sie im Gefängnis. Dann gelingt es ihr, ein Ausreisevisum zu bekommen. Mit der transsibirischen Eisenbahn geht es nach Osten. Schließlich landet sie in Shanghai. Hier erlebt sie ihre erste große Liebe, aber auch viele böse Ereignisse. Sie überlebt auch das Shanghaier Getto, sie heiratet mehrmals und gelangt mit sechsundzwanzig Jahren über Umwege nach London, wo sie noch einmal heiratet, den Juden Alexander Trost, mit dem sie bis zu ihrem Lebensende zusammenbleibt. Sie fährt auch wieder nach Mainz, wo sie versucht, mit ihrer Vergangenheit ins Reine zu kommen, was ihr, wenn auch nicht ganz befriedigend, gelingt. Dazu schreibt sie: „Ich kann meine Heimat nicht vollständig aufgeben. Für mich wäre es eine Amputation.“ (S. 298) Parallel dazu, meist in Briefen, wird die Geschichte ihrer Freundin Margot erzählt, auch eine Jüdin, die auf andere Weise dem Unheil entkommen konnte.

Sabine Bode erzählt das alles sehr nüchtern, vielleicht zu nüchtern. Mancher Leser wird sich vielleicht sagen, dass es doch einige Menschen gab, die diese Jahre recht gut überstanden haben. Aber immer wieder erinnert Bode daran, dass man Gudrun und Margot um dieses Schicksal nicht beneiden sollte. Auf der Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn wird Gudrun klar, dass man als Flüchtling nichts mehr in der Hand hat, an den Bedingungen kann sie nicht ändern. (S. 162) Und sie hat viele liebe Menschen verloren: Ihr Vater hat sich umgebracht, Martin ist gefallen, auch ihre geliebte Großmutter nahm sich das Leben, ihre Mutter wurde in Treblinka vergast. Am Ende des Romans erfahren wir, dass beinahe alle fünfunddreißig Verwandten von Margot ermordet wurden. Am Anfang heißt es von Gudrun, sie sei ein eigensinniges Mädchen (S. 25), am Ende schreibt ihr Margot, sie sei schon immer radikal gewesen (S. 336), „im besten Sinne“. Ja, es ist ein eigensinniges Schicksal, das Sabine Bode erzählt. Wie schon gesagt: vielleicht etwas zu nüchtern. Doch wahrscheinlich kann man nur so ein solches Leben schildern. Zu dem Roman hätte ich mir noch ein kurzes Nachwort gewünscht, um zu erfahren, ob ihm ein konkreter Lebensweg zugrunde liegt. Als es um das Verfahren gegen Werner Buchmann geht, wird Gudrun von einer Journalistin interviewt. Ist das eine Art Selbstporträt der Autorin? (Franz Joachim Schultz)

Sabine Bode: Das Mädchen im Strom. Stuttgart. Klett-Cotta. 2017.

V. i. S. d. P.: Dr. Joachim Schultz. Friedrich-Puchta-Str. 12. D-91278 Pottenstein. joachim-schultz@gmx.de. St.Id. 46 052 078 196

 

 

 

 

Er hatte immer Lust

April 23, 2018

Der französische Schriftsteller Guy de Maupassant (1850 – 1893) war kein Kind von Traurigkeit. Von ihm gibt es viele derbe Äußerungen. So schrieb er an Gustave Flaubert, bei dem er das Schreiben gelernt hatte: „Frauenärsche sind so langweilig wie Männerköpfe.“  Flaubert antwortete: „Wenn Frauenärsche langweilig sind, gibt es ein einfaches Mittel dagegen: Man lässt die Finger davon.“ (zit nach Herbert Lottman: Flaubert. Insel. 1992. S. 402) Aber Maupassant konnte nicht davon lassen, er hat „immer Lust“ (S. 147), heute würde man ihn wohl als sexsüchtig bezeichnen. So ist es kein Wunder, dass in Arne Ulbrichts Roman dieses Thema in vielen Variationen sehr häufig auftaucht. Immer wieder wird gevögelt. Man könnte für Knaben in der Pubertät eine Liste dieser ‚Stellen’ … Na ja, das muss man heute nicht mehr, im Internet finden diese Knaben ganz andere ‚Stellen’.

Ulbrichts Roman ist zu empfehlen, vor allem weil in deutscher Sprache derzeit keine brauchbare Biographie über Maupassant auf dem Markt ist. Man sollte aber einige Besonderheiten in Kauf nehmen. Der Roman beginnt mit dem Ende. Die Syphilis hat Maupassant in den Wahnsinn gebracht. Geschildert werden die letzten Tage. Der damals in Frankreich und darüber hinaus bekannte Autor, dessen Erzählungen vor allem mit Begeisterung gelesen wurden, ist nicht mehr Herr seiner selbst. Ein Selbstmordversuch, danach muss er in eine Anstalt gebracht werden. So beginnt der Roman ganz düster, was sich ein wenig auf das ganze Buch auswirkt. In einem großen Rückblick wird dann Maupassants Leben von Anfang an erzählt. Hier gelingen Ulbricht sehr schöne Abschnitte. Etwa seine Kindheit am Meer in der Normandie. Oder seine Freundschaft zum väterlichen Gustave Flaubert. Es geht vor allem um die mühsamen Jahre ohne Erfolg. Der Roman endet zu dem Zeitpunkt, als sich der spätere Erfolg so langsam abzeichnet, mit der Erzählung Boule de suif (Fettklößchen). Da würde man doch gerne noch ein wenig über die erfolgreichen Jahre hören: hunderte von Erzählungen, einige Romane, von denen Bel-Ami nur der bekannteste ist. So nannte er auch seine Segelyacht, mit der über das Mittelmeer schipperte.

Hinzu kommt, dass es in diesem Roman auch einige etwas oberlehrerhafte Abschnitte gibt. Etwa wenn Ulbricht gewissermaßen auflistet, welche großen Werke die damals bekannten Schriftsteller geschrieben haben. (S. 138) Man hat das Gefühl, als wolle er sagen: Schaut her, das weiß ich alles! Auf der Rückseite des Buches steht: „Spannend, unterhaltsam und glänzend recherchiert.“ Dem würde ich zustimmen. So ein biografischer Roman muss auch glänzend recherchiert sein. Aber man muss das nicht voller Stolz hervorheben. Dazu gehört auch die Liste im Anhang, in der Ulbricht penibel präsentiert, welche Werke Maupassants er in die jeweiligen Kapitel eingearbeitet hat.

Fast für jeden Satz kann man in der Literatur oder in Briefen die Vorlage finden. So z. B. Flauberts berühmter Ratschlag: „Beachten Sie das Leben und die Natur – jeder Baum sieht … unterschiedlich aus und sollte auch unterschiedlich beschrieben.“ (S. 112f.) Dass Flaubert und seine großen Kollegen sich ziemlich machohaft über Sex unterhalten haben, weiß man aus den Tagebüchern der Brüder Goncourt, die seit einigen Jahren vollständig in deutscher Sprache vorliegen. Aber auch in der Auswahl von Anita Albus findet man diese Gespräche. Das alles muss aber der ‚normale’ Leser nicht wissen. Manch einer wird den Roman in einem Rutsch lesen, denn er ist wirklich ‚spannend und unterhaltsam’. (Franz Joachim Schultz)

Arne Ulbricht: Maupassant. Biografischer Roman. Berlin. KLAK Verlag. 2017. 246 Seiten.

GuydeMau

 

 

Henri de Montherlant

April 20, 2018

sollte wieder entdeckt werden:

Henri de Montherlant (1896 – 1972). Er schrieb Romane und für das Theater. Seine Romane waren mal sehr beliebt in Deutschland, besonders die Tetralogie „Erbarmen mit den Frauen“. Er schrieb in seinem Tagebuch (1932):

Manch einer will „mit dem Namen Religion oder Philosophie seine Talentlosigkeit decken.“

Montherlant

Mai 68

April 19, 2018

Alle zehn Jahre erinnern wir uns an den Mai 68. Was bringt das unterm Strich?

 Mai68

Ludwig Börse wusste es

April 13, 2018

Börne

Ludwig Börne (1786 – 1837)

Eine Regel für Blogger und Autoren aller Art

„Nehmt einen Bogen Papier und schreibt drei Tage hintereinander ohne Falsch und Heuchelei alles nieder, was euch durch den Kopf geht. Schreibt, was ihr denkt von euch selbst, von euern Weibern, von dem Türkenkrieg, von Goethe … , vom jüngste Gerichte, von euern Vorgesetzten – und nach Verlauf der drei Tage werdet ihr vor Verwunderung, was ihr für neue, unerhörte Gedanken gehabt, ganz außer euch kommen. Das ist die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden.“

So endet Börnes Artikel „Die Kunst in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden“. Erstmals 1823 erschienen.

Ein Plädoyer für den Islam

April 9, 2018

Wild und grausam, zauberhaft und sanft

Pierre Lotis Reisebericht über Marokko

Sein bürgerlicher Name war Julien Viaud, von Beruf war er Kapitän der französischen Marine und auf französischen Schiffen reiste er durch die ganze Welt. Er schrieb Reiseberichte und Romane, die denen seines Zeitgenossen Joseph Conrad nicht nachstehen. Noch zu Hause wollte er dem monotonen Alltag der westlichen Zivilisation entkommen, kleidete sich orientalisch, schminkte sich und machte sein Haus zu einem Museum des Exotismus. Die Rede ist von Pierre Loti (1850-1923), dessen Reisebericht Im Zeichen der Sahara im Herbst 1991 wieder auf deutsch erschienen ist. Das Buch aus dem Jahr 1890 mit dem Originaltitel Au Maroc erschien zum ersten Mal 1923, in Lotis Todesjahr, in deutscher Übersetzung; zu einem Zeitpunkt, als das Ende des Kolonialismus schon eingeläutet war, und viele sich vor der Weisheit angeblich primitiver Kulturen verneigten. Mit Recht kann Loti als Wegbereiter einer solchen Haltung reklamiert werden, schrieb er doch am Ende seines Reiseberichts aus Marokko: ”Finsteres Maghreb, mögest du dich noch lange hinter deinen hohen Mauern verbergen, dem Neuen wehren und Europa den Rücken wenden! Irre nicht ab von deiner alten Bahn; träume noch lange deine alten Träume, damit noch ein letztes Land auf Erden sei, wo Menschen beten!” (S. 196)

Loti hatte Marokko als Begleiter einer französischen Gesandtschaft bereist, die Reise ging von Tanger nach Fès und Mèknes und zurück. Er profitierte also vom Kolonialismus, doch ihm war klar, daß dies nicht der Weg war, einander näherzukommen. ”Wozu schickt man diesem Herrscher hier eine Gesandtschaft?” fragt er sich während des Empfangs beim Sultan von Fès. ”Er und sein Volk sind ja in alte fromme Träume versenkt, aus denen es kein Erwachen gibt, und die für die andere Menschheit längst verflossen sind. Wir sind nicht imstande, einander zu verstehen. Erstünde ein Kalif von Bagdad oder Cordoba aus seinem tausendjährigen Grabe, wir könnten ihm nicht fremder gegenüberstehen. Was wollen wir von ihm? Warum rütteln wir an den streng verschlossenen Toren seines Palasts?” (S:.93) Loti ist sich der ‘Unschicklichkeit seiner Gegenwart‘ in diesem Land bewußt, trotzdem oder gerade deswegen ist dieses Buch ein überzeugender und einfühlsamer Bericht, der noch heute mehr über den Maghreb sagt als die meisten der neueren Reiseführer für Touristen. Ein empfehlenswertes Gegenstück zu Paul Bowles‘ Roman Himmel über der Wüste.

Gewiß, es ist auch ein ”romantisches Plädoyer für den Islam”, wie Susanne und Michael Farin in ihrem kenntnisreichen Nachwort schreiben, und Loti verwendet an vielen Stellen die standardisierte Sprache des literarischen Exotismus: Vieles ist für ihn wild, grausam, rätselvoll und grotesk, dann wieder zauberhaft, leuchtend und sanft. Aber Loti ist auch in der Lage, sich zumindest zeitweise ganz auf diese fremde Kultur einzulassen, selbst für die ihn abstoßenden Sonderbarkeiten findet er kein abfälliges Wort. Roland Barthes nannte ihn einen Hippie-Dandy; der Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat sein Werk vielleicht am treffendsten charakterisiert: Seine Bücher sind ein ”wertvolles ethnographisches Zeugnis, wenn auch nicht über die Völker, die er gekannt hat, so doch zumindest über die Beziehung, die seine Kultur zu einer bestimmten Zeit zu fremden Kulturen hatte.” (Franz Joachim Schultz

Pierre Loti: Im Zeichen der Sahara. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Susanne und Michael Farin. Die Übersetzung aus dem Jahr 1923 wurde von Dirk Hemje-Oltmanns neu bearbeitet. Bremen 1991. Manholt Verlag. 212 S.

Loti